Dienstag, 11. November 2008

Die Schrecken der Nekropole I [Chronik]

Aus den Aufzeichnungen des Eliah Weißmantel, Erster Kanonit des Deneir zu Phlan

Phlan, im Jahr der Wiedergeborenen Helden (n.T. 1463)

Nachdem die Helden sich zunächst der Sicherheit ihres Freundes Gideon Mandelauge versichert hatten, vergnügten sie sich an jenem Abend in einer Taverne und lauschten gebannt dem Geschichtenerzähler Baruch Mordechai, der in blumigen Worten von der Weißen Herrin und dem Untergangs der Ewigen Stadt kündete. In gereimter Form erzählt er von ihrem Kriegszug, wie sie mit ihren finsteren Horden in die Stadt eingefallen war, wie die Männer und Frauen, Kinder und Greise der Stadt den wütenden Monstren zum blutigen Opfer gefallen waren und wie die Herrin dann verschwunden war - nur um ihren Helm von purem Eis zurück zu lassen.

Am nächsten Morgen beschlossen die Helden ausgeruht und bei bester Laune, den Gerüchten nachzugehen, die von unheimlichen Vorgängen in der Nekropole kündeten. Asgardin, der Streiter Tyrs, hatte von jenen Umtrieben gehört, als er die Brüder und Schwestern jenes Wehrklosters besucht hatte, das auch heute noch dem unfehlbaren Herrn des Rechts geweiht wenige Stunden nördlich Phlans auf einer felsigen Anhöhe trohnt und seit Jahrhunderten über die Nekropole wacht. Dort hatte die Priorin des Klosters, die Verehrte Wächterin Malikka Romanova, berichtet, dass sich seit einiger Zeit die Zeichen mehren würden, dass in der Nekropole unheilige Dinge vor sich gingen. Zwar sei die gewaltige Totenstadt, die schon vor der ersten menschlichen Besiedlung Phlans längst vergessenen Zivilisationen als letzte Ruhestätte ihrer Verstorbenen gedient hatte, seit jeher von den Geistern ruheloser Toten heimgesucht gewesen. Seit etwa einem halben Jahr jedoch sei zu beobachten, dass die Seelen der Verstorbenen unruhiger würden. Malikka berichtete, dass sie auch schon mehrfach ihre Männer am Tage nach dem Ort gesandt hätte, dass die Streiter Tyrs dort aber nichts Ungewöhnliches aufzufinden vermocht hatten.

Nun also wollte der Streiter des Rechts mitsamt seiner Kameraden nach der Nekropole ziehen, um dort das Werk der Ordnung zu vollbringen. Es war ein kalter Morgen und der Reif lag auf den felsübersäten Wiesen und Hügeln nördlich Phlans, als die Gefährten auf ihrem Weg zur Stadt der Toten einen einsamen Reiter vom Kloster herabkommen sahen. Es war dies niemand anderes als der Hohe Episkop von Phlan, Malleus von Brandenstein, auf seinem Weg nach der Ewigen Stadt. Er beschwor die Krieger, noch vor Einbruch der Nacht die Nekropole zu verlassen, denn zu stark seien die uralten und unverständlichen Kräfte des Todes und des Bösen an diesem Ort. Dieser Warnung eingedenk setzten die Gefährten ihren Weg fort und erblickten schließlich die uralten, vom Zahn der Zeit zerfressenen Mauern der Totenstadt, die sich nahezu über den gesamten Horizont zu erstrecken schien. Ein gewaltiges Tor von bronzenen Bändern und Stäben markierte den Eingang in jenes uralte Reich der Stille und des Todes. Durch dieses traten die Kämpen, ihre Pferde zunehmend rastlos und unruhig und auch sie selbst spürten ihre Nackenhaare sich aufrichten angesichts des Gewichts der Jahre, die auf diesem Ort lasteten und der Gewissheit dass unter den Steinen, in den Gräbern und Krypten ungezählte Körper längst vergangener Leben lagen.

Die Helden machten sich daran, nach sichtbaren Spuren des nächtlichen Treibens Ausschau zu halten und tatsächlich fand Wulfgar Fußabdrücke auf den von Alter und Witterung zerfressenen Pflastersteinen. Die Fährten geleiteten sie schließlich zu einer alten Krypta, wo es den Kämpen nach einiger Anstrengung gelang, die Steinplatte zu öffnen, die den Eingang verschloss. Die Erforschung des Gemäuers wurde jedoch jäh unterbrochen, als der Gezeichnete des Silvanus einer Gestalt gewahr wurde, der die Gefährten aus der Entfernung heraus beobachtete. Nach einem kurzen Gefecht hatten sie den vermummten Spion jedoch überwältigt und mit einem beherzten Hieb seines Kriegshammers zerschmetterte der alte Söldling Huskal ihm die Hüfte. Zwar war der Heimlichtuer noch am Leben, er war jedoch so schwer verletzt dass die Krieger von ihm nurmehr in Erfahrung brachten, dass er Krec heiße und von einem Mann namens die Ratte gesandt worden war. Bevor sie ihn weiter befragen konnten, mussten sie den Mann jedoch seiner Schmerzen entledigen, die ihm kaum zu atmen erlaubten. Asgardin der Gnadenvolle nahm sich der Versorgung seiner Wunden an, doch als er den Leib mit Tyrs Segen heilen wollte, wurde er gewahr, dass eine andere, finstere Macht von der Seele des Verderbten Besitz genommen hatte: es war die unheilige Kraft des Cyric, Fürst der Lügen und Erzfeind des Tyr, der seinen finsteren Schutz über diesen Verdammten gelegt hatte. Doch Asgardins Festigkeit im Glauben wankte nicht und so brach er das widerwärtige Gewebe unheiliger Macht, das um den Finsterling gewirkt worden war. Nachdem er also den Bann der Schwarzen Sonne gebrochen hatte, gelang Asgardin dank der Gnade Tyrs die Heilung des geschundenen Leibs.

Seiner schweren Wunden geheilt, war der Niederträchtige jedoch noch immer sehr schwach. Daher beschlossen die Streiter, Krec zunächst ein wenig zu Kräften kommen zu lassen, bevor sie sich seiner weiteren Befragung annehmen wollten. Zudem wurde es bereits Nachmittag und die Schatten der Gräber wurden länder, also beschlossen sie, von dannen zu ziehen. Zuvor jedoch wollte Wulfgar der Wagemutige noch einen ersten Blick in die zuvor unter Mühen geöffnete Krypta werfen, wurde dabei jedoch von einem schrecklichen Schmerz übermannt, der ihn beinahe ohnmächtig zusammenbrechen ließ. Wie Asgardin dem Waldläufer später mitteilte, war der Eingang zur Unterwelt mit einer unheiligen Glyphe gesichert, Ausdruck einer bösartigen Macht, die nur die Götter des Bösen ihren Anhängern gewährten. Auch hier zeigte sich also die finstere Fratze des Cyric.

Erschöpft und frierend erreichten die Helden am Abend wieder die Ewige Stadt. Ihren Gefangenen hatten sie zuvor unter den Augen der Tyraner gelassen, gewiss, dass er an keinem Ort Faeruns bessere Wächter haben würde. In Phlan erkundigten sie sich dann nach dem Mann, den Krec die Ratte genannt hatte. Die Oberste Richterin Phlans, Kella Voskorm, und auch der Hohe Episkop, den Asgardin im Ratshaus aufsuchte, konnten ihnen nur wenig über ihn berichten. Doch bei der Hauptfrau der Miliz, der Konstablerin Marta Yevgenya, erfuhren sie schließlich eine Reihe nützlicher Hinweise. So brachten sie in Erfahrung, dass die Ratte der wenig schmeichelhafte Name eines gewissen Beck Schwarzhand war, der vor einigen Jahren in Phlan aufgetaucht war und nach einiger Zeit die wenigen örtlichen Schurken und Banditen unter seiner Hand vereinigt hatte. Wie er es geschafft haben konnte, die ruchlosen, rauhen und überaus freisinnigen Gesetzlosen der Stadt in weniger als einem Jahr unter seine Führung zu zwingen, sei der Hauptfrau immer ein Rätsel geblieben. Jedenfalls sei die Diebesbande unter dem Namen Die Schwarze Sieben recht erfolgreich gewesen, ohne jedoch zu einer wirklichen Plage oder Gefahr für Handel und Recht in der Stadt zu werden. Letztlich merkte die Konstablerin noch an, dass die Sieben stets überraschend gut unterrichtet seien über die Dinge in der Stadt. Nie sei es der Miliz gelungen, einen von ihnen zu fangen oder gar eines ihrer Verbrechen zu verhindern. Nachdem sie diese Nachrichten vernommen hatten, fragten die Helden Marta noch nach ihrem Wissen über einen gewissen Gregorius Kemmler, auf dessen Namen sie bei ihren Erkundigungen über die Nekropole wieder und wieder gestoßen waren. Marta wusste, wie auch die anderen Amtsträger der Stadt, wenig zu berichten, außer dass Kemmler ein geheimnisvoller und unheimlicher Mann sei, der sich als Arzt bezeichne und in der Totenstadt ein- und ausgehen solle. Auch sei er wiederholt außerhalb der Mauern im Ostteil der Stadt gesehen worden.

Auch wenn es nicht die eigentliche Legende der Helden von Phlan belangt, möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass meine Quellen andeuten, Herikos der Furchtlose habe damals Gefallen an der Konstablerin gefunden und beschlossen, sie für sich zu gewinnen. Doch dies führe ich an einer anderen Stelle weiter aus. Hier sei vielmehr fortzufahren mit den Nachrichten, die die Helden bei ihrer Befragung des Krec in Erfahrung brachten. Wie es sich seines Standes geziemte, führte Asgardin, der Jünger Tyrs, das Verhör und fürwahr, all sein Glaube und seine Willenskraft ward gefordert, um den vom hasserfüllten Wahnsinn der Schwarzen Sonne erfüllten Meuchler zur Beichte zu zwingen. Schließlich jedoch war der Wille des Schurken gebrochen und die Geheimnisse sprudelten aus ihm wie das Wasser aus einem Quell. Und so berichtete er, dass er nicht nur einer von Becks Männern sei, sondern auch einem geheimen Kult des Cyric angehöre, der seinen Sitz in einem alten Tempel des Bane inmitten des norwestlichsten Teiles der Nekropole habe. Der Kult werde von einem Mann namens Shapsar Bantor angeführt, der aus Zhentilfeste stamme und die dortigen Pogrome gegen seinen Glauben überlebt hatte. Dem Kult gehörten neben ihm selbst und Bantor noch eine weitere gute Handvoll Gläubige an, von denen Krec jedoch nur Boris das Leichengesicht mit Namen und Antlitz kenne - denn Boris sei wie er einer der Schwarzen Sieben des Beck Schwarzhand. Letzterer habe mit den Cyricianer aber nichts zu schaffen. Neben diesen wichtigen Neuigkeiten erfuhren die Gefährten noch allerhand über die Sieben, ihre geheimen Orte und Auskunftswege. Die für die edlen Kämpen bedeutendste Nachricht war jedoch das Geständnis des Krec, dass es die Cyricianer des Bantor waren, die Gideon Mandelauge gefangen genommen und gefoltert hatten. Er selbst habe den Halbelfen mehrmals zur Bewusstlosigkeit gequält - schlicht weil es ihm Freude bereitet hatte. Abgestoßen von dem Charakter des Mannes sprach Asgardin schließlich das Urteil: Krec sollte für die Zeit eines Mondes in der Gefangenschaft der Tyr-Kirche verbleiben und dann frei seiner Wege gehen. Angesichts der erwartbaren Erwiderungen seiner vormaligen Gefährten ob seiner Beichte vor dem Herrn der Gesetze sei dies Strafe genug.

Anhand dieser Kunde beschlossen die Gefährten nun, sich erneut der Nekropole zu nähern. Sie mussten mehr in Erfahrung bringen über die Dinge, die dort vor sich gingen und über das Versteck der Jünger der Toten Sonne. Und obschon sich bereits die Dunkelheit über das Land gelegt hatte, zogen sie noch am selben Abend nach der Totenstadt. Als sich am nördlichen Horizont die Mauern der Nekropole abzeichneten, heulte der Wind durch die Bäume und Felsen und jagte die tief hängenden Wolken wie Leichentücher vor sich her. Fahl schien Selunes scharfe Sichel von Südwesten her, ihr blasses Licht warf makabre Schatten. Die Fackeln und Laternen der Helden flackerten heftig im eiskalten Wind und verzerrte die Schatten der Kämpfer zu missratenen, irr zuckenden und tanzenden Schreckgestalten. Keinem der vier war wohl zu Mute und so beteten sie still und einsam ein jeder an den Gott, den sie am höchsten ehrten. Und mit stillen Gebeten auf den Lippen zogen sie an den hoch aufragenden, verfallenden Mauern entlang, bis sie an eine felsige Anhöhe gelangten, von der aus sie einen Blick über die Mauern und auf die Gräberstadt werfen wollten. Oben kauerten sie sich in den Schutz einer uralten verkrüppelten Kiefer, deren Äste im Wind wie Skeletthände in alle Richtungen ausschlugen, nach unsichtbaren Gestalten greifend. Das Bild, das sich den Gefährten bot, ließ sie im Mark erschauern. Zwischen den Krypten, Schreinen und Stelen waren vereinzelte Schemen zu sehen, undeutliche Flecken von tiefer Finsternis, die sich gegen die monderhellte Dunkelheit der Nacht abhoben wie dunkle Löcher in einem schwarzen Tuch. Manche dieser Schatten schienen sich schnell und behende zu bewegen, andere träge und unnatürlich langsam. Immer wieder flackerten Elmsfeuer auf, boshaft grün huschten sie wie Irrlichter über Gräber und Gedenksteine, zitterten über die Giebel und Dächer der Grüfte und Mausoleen und erloschen wie Funken, nur um an einer anderen Stelle wieder aufzuflammen und ihr irrgeisterndes Spiel aufzunehmen. Weit in der Ferne konnten die Helden auch die Umrisse des alten Bane-Tempel sehen, wie ein schwarzer, unfassbarer Monolith aus einer fernen Zeit thronte er auf einem der grabgesäumten Hügel, finster und drohend. Plötzlich aber erschraken die Helden, denn nahe der Mauer erschien aus dem Nichts die Gestalt einer weißen, durchscheinenden Frau; ihr langes Totenkleid, das vor uralten Zeiten geschneidert worden zu sein schien, flatterte im Wind und ihre langen weißen Haare wogten um ihr Haupt wie die Tentakel eines grausamen Meerestiers. Den Helden war unwohl ob dieses Anblicks, doch da stimmte die Geistererscheinung einen unirdischen, abgrundtief traurigen Gesang an, der von so großer Verzweiflung, Elend und unendlichem Kummer erfüllt war, dass die Helden jeden Schmerz und jede Hoffnungslosigkeit die die Tote in ihrem Leben je erfahren hatte in einem einzigen Moment nacherlebten. Die Trostlosigkeit übermannte sie und wäre nicht Herikos gewesen, der abseits des Hügels mit einer hell leuchtenden Fackel und der Verheißung auf Wärme und Freundschaft auf sie wartete und hätten nicht Wulfgar und Asgardin schließlich ihre Verzweiflung niedergekämpft und ihren Gefährten aufgehalten, so hätte sich der alte Söldner Huskal wohl in seinen Dolch gestürzt. Erst spät in der Nacht, als sie dann gemeinsam am Feuer saßen, weit entfernt von der Finsternis und Boshaftigkeit der Nekropole, wich der starre Blick des Entsetzens und der Furcht aus den Gesichtern der drei und doch sollten sie bis an ihr Lebensende in ihren Träumen verfolgt werden von der Erinnerung an die Tote und ihren schrecklichen, leiderfüllten Gesang.

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