"Die Mondsee ist ein kaltes, stürmisches und unbarmherziges Gewässer, das nur danach trachtet, dich bei der kleinsten Unachtsamkeit ins Verderben zu ziehen und dir dein Leben auszuhauchen. Aber besser du gewöhnst dich schnell daran, denn die Menschen, die hier leben sind schließlich genauso!"
Elminster von Schattental, Gelehrter
An der felsigen und rauhen Nordküste der Mondsee, dort wo der reißende Stojanow in die kalten, violett schimmernden Fluten mündet, liegt Phlan, die Ewige Stadt. Wie ein kleiner, flackernder Funke in der Finsternis einer stürmischen Nacht widersetzt sich die Siedlung seit Jahrtausenden den über sie hereinbrechenden Naturgewalten. Denn jenseits der Mauern und Palisaden liegt ein wildes, karges und lebensfeindliches Land. Westlich der Stadt liegt die Grüne See, eine mit kniehohem, struppigem Steppengras bewachsene gebirgige Landschaft, deren gelbgrünen Hügel wie Wellen aus den schattigen Tälern aufsteigen und auf den Erhebungen felsige Kronen im Gegenlicht leuchten wie die Gischt auf den Wellen der Mondsee. Nach Norden hin durchfurcht der mächtige Stojanow in engen Kehren und über Felsstürze und Stromschnellen zunächst ein namenloses, felsiges Hügelland, bis zu seinem Ursprung in den messerscharfen Klüften des Drachengrats, eines steil aufragenden dunklen Felsriegels, dessen Gipfel auch im Sommer eisbedeckt sind. Zu Füßen des Drachengrats und weit nach Osten hin erstreckt sich ein gewaltiger Saum dichter und hochgewachsener Bäume, der Zitternde Wald. Östlich Phlans und zu Füßen der weit gestreckten, sanft ansteigenden Hügel der Nebelhöhen versickert der Trinkende Strom, ein Nebenfluss des Stojanow, in den Seen, Tümpeln und Flussläufen der Schwarzen Sümpfe, deren milchigweiße Dunstschwaden den Hügeln ihren Namen gaben. Jenseits der Hügel nach Osten hin wird das Land immer karger, trockener und felsiger und schließlich markiert ein mehr als hundert Meilen langer Felsbruch die Grenze ins Graue Land Thar. Diese Ödnis jenseits der Palisaden Phlans ist herrenloses Land und ist Heimat für räuberische Banden von Tieren, Räubern und Orks. Herrschaft und Ordnung reichen hier nur soweit wie sie der Schwertarm mutiger Männer und Frauen in die Wildnis tragen, unzählige Ruinen unbedeutender Herrenhäuser, zerstörter Weiler, geschliffener Umfriedungen und eingestürzter Wachtürmen zeugen von der Vergänglichkeit dieser Unterfangen.
Und auch Phlan selbst stand mehr als einmal vor dem völligen Untergang. Noch vor fünfzig Jahren war Phlan ein lebendiger, unabhängiger Handelsplatz, ein sicherer Hafen für Händler und Abenteurer und eine Heimat für einfache Leute, Handwerker und Bauern. Unter dem Dorn, einer hoch über das Meer aufragenden Felszunge, und unter den strengen Augen der Wachen von Borodins Feste segelten die Koggen der Kaufleute in den engen Hafen ein. Aus dem Süden kamen wagemutige Händler und brachten die Reichtümer ihrer Heimat: wohlduftende Gewürze und edle Hölzer von den Küsten des Vilhon, feine Leder und erlesene Tuche aus Alglarond, Wein und edle Öle aus Chessenta, wertvolle Schmiedearbeiten und weißen Marmor aus Cormyr. Aus den winddurchpeitschten Ebenen, zerklüfteten Bergtälern und eisigen Marschlanden jenseits des Drachengrats kamen hochgewachsene, bärtige Männer, und mit ihnen kamen glänzende Felle und schwere Wollstoffe, die pfeilgeraden Hölzer der unendlichen Wälder ihrer Heimat, edle Steine und Erze und die elfenbeinernen Zähne geheimnisvoller Tiere. In Phlan trafen sich Nordmann und Südländer, sie feilschten und handelten, sie tranken gemeinsam, belogen und betrogen sich nach allen Regeln der Kunst.
Doch dann brachen Krieg, Leid und Zerstörung über die Stadt. Im Jahr der Blauen Flamme (n.T. 1327), ein harter Winter hatte das Land mit blauem Eis überzogen und Mensch und Vieh litten unter Stürmen, Hunger und Frost, kamen Gerüchte über ein gewaltiges Heer übers Land. Eine Armee von Orks, Trollen und Riesen und noch weitaus schrecklicheren Wesen zog aus den eisigen Einöden des Thar nach Süden. Und an ihrer Spitze ritt eine einzelne Frau, gekleidet in einen Panzer aus Eis und in ihren Händen trug sie ein gewaltiges Schwert, das im Zwielicht des Winters von einem obszönen Blau leuchtete. Phlan hatte dieser Bedrohung nichts entgegen zu setzen, und nach nur einer blutigen Nacht splitterten die Toren und brachen die Mauern vor der schrecklichen Weißen Herrin und ihre rasenden Horden fielen ein in die engen Gassen, Straßen und Häuserfluchten der Stadt. Wer nicht zuvor schon während des chancenlosen Kampfs auf den Zinnen gefallen war oder sein Heil in der Flucht gesucht hatte, wurde Opfer des blindwütigen Blutdursts der wilden Kreaturen. Für einen Zehntag, so heißt es in den Liedern der Barden, hätten sich die Götter von Phlan abgewandt, weil sie die Schändung der Stadt nicht mit ansehen wollten.
Doch genauso schnell wie die Horden der Zerstörung über Phlan gekommen waren, sollten sie sich wieder zerstreuen. Als die Sonne nach neun Nächten zum ersten Mal hinter den öligen Wolken aufging, war die Anführerin des gewaltigen Heeres spurlos verschwunden. Lediglich ihr Helm, ist damals in den Trümmern der Stadt zurückgeblieben, doch wo er sich heute befindet, vermag keiner zu sagen. Ohne ihre tyrannische Herrin und inmitten einer zugrunde gerichteten Stadt ohne Vorräte und Zerstreung zerbrach die Armee und so richtete sich der Zorn der Horden gegeneinander. Jene, die sich nicht in alle Winde zerstreuten oder in ihre öde Heimat zurückzogen, schlachteten sich gegenseitig ab oder verkrochen sich in die unendlichen Gewölbe, Gänge und Kavernen unter der Stadt. Nach nur einem Mond glich die Ewige einem rücksichtslos hingeworfenen Kadaver. Rußgeschwärzte Hausruinen ragten wie gesplitterte Knochen aus ihrem zerschmetterten Leib und wie die Maden in faulendem Fleisch kamen des Nachts Banden von Orks, Goblins und anderen Scheusalen aus ihren Löchern und durchkämmten die tote Stadt nach Fraß und Beute.
Und wie in den ungezählten Generationen zuvor, so waren es auch diesmal wieder Abenteurer, Gauner und Glücksritter, die, angelockt vom Versprechen auf reiche Beute und die sagenumwobenen Schätze einer goldenen Vergangenheit, der Ewigen wieder neuen Lebensfunken einhauchten. Über viele Jahre kamen wagemutige Frauen und Männer und durchkämmten die Häuser auf der Suche nach Reichtümern. Erste Siedler ließen sich nieder und so eroberte das Leben Haus für Haus, Straßenzug um Straßenzug zurück. Diejenigen, die zurückkehrten in ihre Heimat brachten Kunde von Phlan, einem Ort voller Gefahren, doch auch voller Möglichkeiten und Reichtümern. Und schon bald zogen Händler und Handwerker nach, Siedler, Bergleute und Flüchtlinge und die Stadt begann von Neuem zu wachsen und gedeihen.
Heute, zwei Menschengenerationen nach ihrer Zerstörung durch die Horden der Weißen Herrin, liegt noch immer ein großer Teil der Ewigen Stadt in Trümmern. Doch die Menschen haben mit ihrer unermüdlichen Schaffenskraft und Beharrlichkeit einen Teil zurückgewonnen. Eine feste Palisade grenzt den bewohnten, westlichen Teil Phlans ab von den Ruinen, die des Nachts noch immer von schrecklichen Wesenheiten durchstreift werden. Im Westteil liegen der Hafen, ein Ort des steten Handels und Warenumschlags, das Gericht, von wo die Zehn über die Geschicke der Stadt bescheiden sowie der obere und der untere Markt, wo Menschen aller Stände und Gewerbe sich begegnen und wo Tavernen, Schankstuben und Herbergen Speiß und Trank feilbieten. Handwerker, Händler und Siedler aus vielen Ländereien haben in Phlan ein neues Zuhause gefunden und die Stadt ist noch immer mitten in einem Aufbruch in eine ungewisse Zukunft. Wenn nicht hier, wo sonst haben wagemutige Männer und Frauen eine derartige Chance, nur durch ihrer eigener Hände und Schläue Werk ihr eigenes Leben in neue, glückvollere Bahnen zu lenken? Phlan braucht sie alle! Doch sei gewarnt, die Sitten sind rauh im Norden und jede große Möglichkeit kommt zu einem Preis...
Sonntag, 19. Oktober 2008
Ein Blick auf Phlan [Hintergrund]
Eingestellt von
Allvater
um
13:21
Labels: Hintergrund
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